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Fortschritt in Ägypten

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Teaserbild: Foto von Mona Abaza, Cairo, Ägypten: "Auf dem Dach meines Hauses wächst jeden Tag ein neuer Pilz (Satellitenantenne). Diese Pilze, so sagt man, sind für die Ägypter die Hauptquelle der Kommunikation mit der Außenwelt. Sie füttern uns mit Bildern von Gewalt, vom Zustand der Welt, mit hunderten von Sprachen, mit Filmen über Liebe, Seifenopern und Horror, mit Pornografie und den letzten Hinrichtungen, Kriegen und Folterungen in Gefängnissen und mit Bildern von jungen schönen neurotischen Sängern. Sie machen uns glücklich, indem sie uns ununterbrochen füttern, ohne daß wir etwas zurückgeben."
Teaserbild: Foto von Mona Abaza, Cairo, Ägypten: 'Auf dem Dach meines Hauses wächst jeden Tag ein neuer Pilz (Satellitenantenne). Diese Pilze, so sagt man, sind für die Ägypter die Hauptquelle der Kommunikation mit der Außenwelt. Sie füttern uns mit Bildern von Gewalt, vom Zustand der Welt, mit hunderten von Sprachen, mit Filmen über Liebe, Seifenopern und Horror, mit Pornografie und den letzten Hinrichtungen, Kriegen und Folterungen in Gefängnissen und mit Bildern von jungen schönen neurotischen Sängern. Sie machen uns glücklich, indem sie uns ununterbrochen füttern, ohne daß wir etwas zurückgeben.'
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Ägypten

Initiale: M

it der westlichen Auffassung dieses Begriffes kann das arabische Verständnis von Fortschritt nicht gleichgesetzt werden. Da waren sich die syrischen, marokkanischen und ägyptischen Philosophen und Soziologen, die im März 2004 in der Bibliotheca Alexandrina zusammen kamen, einig. Mit der Konferenz, die stellvertretend für die arabische Region stattfand, startete die weltweite Konferenzreihe zum Fortschrittsbegriff in unterschiedlichen Kulturen.

Politisches Umfeld der Diskussion

Die Teilnehmer diskutierten Fortschritt vor allem vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Reformen. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Reformbestrebungen in Ägypten und der ganzen Region sehr eingeschränkt: Die konservativen, islamistischen Bewegungen erreichten einen Höchststand. Ein eher „weltliches“ Verständnis der künftigen Staatsverfassung konkurrierte mit islamischen Tendenzen, wobei gleichzeitig verstärkt Demokratie und Menschenrechte gefordert wurden.

Hindernisse für Fortschritt

So wurden als Hindernisse für Fortschritt in Ägypten vor allem Korruption, Analphabetentum, die Re-Islamisierung und verkrustete hierarchischen Strukturen - hier insbesondere die ungebrochene patriarchalische Stellung des Mannes – genannt. Dazu kam die aufgeblasene Bürokratie als weiteres, Fortschritt blockierendes Element.

"Dieses System verdient den Titel Dinosaurier: es ist groß und schlaff, sein Körper ist ohne Verstand gewachsen."
23jähriger Student der Handelsfakultät, Alexnadria. Teilnehmer am Fortschrittsprojekt

In der Augen der jungen Generation hemmt auch das schlechte Ausbildungssystem den Fortschritt: kein kritisches Hinterfragen, sondern ein Dozieren von oben nach unten, wenig akademische Freiheit: “Immer noch leidet das System unter der ideologischen Stumpfheit und Inaktivität. Wie kann die Ausbildung zur Einschränkung von Kreativität und politischer Aktivität führen?” so die verständnislose Frage einer jungen Frau.

Alle Teilnehmer bewegte die Frage, warum sich in Ägypten nie eine eigene Moderne herausgebildet hat. Japan beispielsweise hat es geschafft, traditionelle Strukturen zu bewahren und dennoch in der ökonomischen Entwicklung mit dem Westen gleichzuziehen. In Ägypten dagegen führten die von Anwar El Sadat eingeleiteten Reformen nicht aus den traditionell geprägten Lebensformen heraus. Eine Säkularisierung hat nie stattgefunden. Als einen der Gründe benannten die Konferenzteilnehmer den Islam als einer Religion, die mit der arabischen Geschichte unauflöslich verwoben und keine selbstkritisch-revolutionäre Phase der Aufklärung durchlaufen hatte.

Zukunftsperspektive

Fortschritt bemisst sich vor allem daran, inwiefern das gesellschaftliche und politische Leben den Bedürfnissen der Menschen gerecht wird. Zentral ist dabei, ihnen den Weg in die Wissensgesellschaft zu ebnen. Wie das Beispiel der „asiatischen Tiger, einschließlich Malaysia“ gezeigt hat, ist dies auch in einem islamischen Land möglich. Immer waren Reformen im Bildungssystem die Grundlage.

In Ägypten werden solche Reformen durch politische und religiöse Tabus erschwert. Die junge Generation versuchte im Rahmen des Projekts, ihre Wert- und Moralvorstellungen im Dialog aufzubrechen. Sie führten Debatten, in denen sie die Meinungen des Anderen anhörten und tolerierten, ihre gesellschaftlichen Wünsche und Bedürfnisse aber ebenfalls artikulierten. Sensible Themen wie Religion, Säkularisierung oder die Stellung der Frau in der ägyptischen Gesellschaft wurden dabei nicht ausgelassen. Eine solche offene Diskussionskultur, so ihre Erkenntnis, stellt eine wichtige Basis für Reformen und damit für Fortschritt in Ägypten dar.

Das ägyptische Verständnis von Fortschritt

Die Übernahme eines westlichen Fortschrittsbegriffs ist für Ägypten und die arabische Welt insgesamt nicht sinnvoll - darin waren sich beide Generationen einig. Allerdings werden einige dem Westen zugeordnete Errungenschaften positiv bewertet. So könnten Selbstkritik, persönliche Rechte des Individuums, Menschenwürde, Frauenrechte, Freiheit und Forschungseifer durchaus auch für Ägypten Teil des Fortschrittsbegriffs sein. Was dem Westen in den Augen der Teilnehmer aber gänzlich fehlt, sind Emotionalität und ein lebendiger Begriff von Glück. Gewünscht wird daher ein Fortschritt, der einerseits die Errungenschaften der westlichen Welt mit sich bringt, andererseits auch ethischen Fortschritt ermöglicht – aus ägyptischer Sicht Voraussetzung für ein „gutes Leben“.

Wichtig ist, dass ein in die arabische Region passendes Konzept von Fortschritt die kulturellen Besonderheiten der Region integriert. Er muss Kultur und technologischen Fortschritt in Einklang bringen. Teil dieses Fortschrittsbegriffs sind darüber hinaus die eigene Identität sowie eine islamische Selbstbestimmung.

Teilnehmer/innen

  • Dr. Mona Abaza
    Privatdozentin, Fakultät für Soziologie, American University in Cairo
  • Dr. Constantin von Barloewen
    Professor für Anthropologie, Université Européenne de la Recherche, Paris
  • Dr. Mohamed Bayoumi
    Professor der Soziologie, University of Alexandria
  • Dr. Mostafa El-Abbadi
    Professor (emeritiert) griechisch.römischer Geschichte, Alexandria University
  • Dr. Mohamed Mahmoud El Gohary
    Professor der Sozilogie, Cairo University
  • Dr. Ali Galabi
    Professor der Sozilogie, Alexandria University
  • Dr. Hassan Hanafi Hassanien
    Professor für Philosophie, Cairo University
  • Dr. Mahmoud Ismail
    Professor für Islamische Geschichte, Ain Shams University, Cairo
  • Dr. Mohamed Rafik Khalil
    Professor für Chirurgie, Medizinische Fakultät, Alexandria University
  • Dr. Shafika Georges Mansour
    Professor für Französische Literatur, Alexandria University
  • Dr. Mohamed Sabila
    Professor für Moderne Abendländische Philosophie, Mohamed V. University Rabat
  • Dr. El Sayed Yassin
    Professor für Politische Soziologie am National Centre for Sociology and Criminological Research, Kairo
  • Dr. Lutfi Abdel-Wahhab Yehya
    Professor (emeritiert) für Geschichte, University of Alexandria
  • Dr. Ahmed Abou-Zeid
    Professor (emeritiert) für Anthropologie, Alexandria University