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Fortschritt in Bolivien

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Teaserbild: Foto von Jorge Crispin, Hochland von Bolivien: FundamTomar. "Hier legen wir das Fundament für eine Ökotourismus-Herberge, die uns Einkommen schaffen und uns von der Lamazucht am Sajama unabhängiger machen soll."
Teaserbild: Foto von Jorge Crispin, Hochland von Bolivien: FundamTomar. 'Hier legen wir das Fundament für eine Ökotourismus-Herberge, die uns Einkommen schaffen und uns von der Lamazucht am Sajama unabhängiger machen soll.'
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Bolivien

"In der Quechua-Kultur gibt es den Begriff des Fortschritts nicht"
Luis Rojas Aspiazu, Psychologe. Teilnehmer aus Bolivien

Initiale: F

ortschritt“ ist ein westlicher Begriff. In den indigenen Sprachen Boliviens existiert das Wort nicht. Aus ihrer Perspektive ist Fortschritt gleichbedeutend mit der Anhäufung von Kapital, schafft Ungleichheit und schadet damit mehr als dass er nützt. In ihrer Argumentation stellen sie die eigene materielle Armut der seelischen und kulturellen Armut des Westens gegenüber.

Atmosphäre

Auf der bolivianischen Fortschrittskonferenz ging es sehr emotional zu, es wurde leidenschaftlich diskutiert. Eingeladen waren in erster Linie Referenten aus den vier größten indigenen Gruppen: Vertreter der Quechua, der Guaraní, der Aymara und der Chiquitanos. Das ist in La Paz eher ungewöhnlich; obwohl die indigenen Gruppen ca. 65 Prozent der Bevölkerung stellen, sind es doch die spanischstämmigen Weißen, die die politische Macht repräsentieren. Von ihnen und den im Land lebenden ausländischen Experten nahm allerdings nur ein Bruchteil die Einladung zur Konferenz an. Dem gegenüber hatte die indigene Bevölkerung ein immenses Interesse am Thema. Ihr kaum zu bremsender Mitteilungsdrang schlug sich in einer wahren "Diskussionswut" nieder. In der Vehemenz, mit der die indigenen Referenten (z.T. pauschalisierend) gegen „den Westen“ argumentierten wurde deutlich, dass es dringend eines Dialoges zwischen europäischen und nicht-europäischen Bevölkerungsgruppen bedarf, um eingefahrenes Denken auf beiden Seiten aufzubrechen.

Politisches Umfeld der Diskussion

Die Konferenz fand im Mai 2004 in La Paz offenbar zur richtigen Zeit und am richtigen Ort statt: Vorangegangen waren soziale, wirtschaftliche und politische Unruhen, die zum Sturz des Präsidenten Sánchez de Lozada und zur Wahl seines Nachfolgers Carlos Mesa führten. Die noch junge Regierung mit neuen Akteuren war zur Zeit der Fortschrittskonferenz noch auf der Suche nach alternativen gesellschaftlichen Formen, die demokratischer und partizipativer ausgerichtet sein sollten. Eine Volksabstimmung und die Bildung einer Verfassungsgebenden Versammlung waren die ersten Schritte auf dem Weg zu einer Gesellschaft, die unter Berücksichtigung der kulturellen Vielfalt das Gleichgewicht der Kräfte im Land neu austarieren sollte.

Mit seinem Titel „¿A dónde vamos? El progreso en diferentes culturas“ traf das Symposium in La Paz einen Kern, der die Stimmung im Land prägte: Wie soll die Zukunft Boliviens aussehen? Wohin geht die Reise? Die Veranstaltung bot eine neutrale Plattform, die den Dialog zur Neuorientierung Boliviens anbot und sich für so viele Teilnehmer wie möglich öffnete.

Das bolivianische Verständnis von Fortschritt

Über allen Beiträgen stand die Feststellung, dass der Zusammenhang zwischen Fortschritt und Lebensqualität in Bolivien verloren gegangen ist. An dessen Stelle treten technologische Errungenschaften und ein kapitalistisches Wirtschaftsmodell. Die Konferenzteilnehmer beobachteten diese Entwicklung mit Sorge, denn Fortschritt bringt Ungleichheit mit sich, wenn er angestrebt wird, ohne gleichzeitig eine gute Lebensqualität zu sichern. Entsprechend setzt das indigene Fortschrittskonzept auf Balance, gegenseitige Anerkennung, Gleichheit und Integration zwischen Natur und Menschen.

"Immer mehr muss die Natur dem Fortschritt weichen. Ist das die Natur des Fortschritts?"
Rupert Schützbach, Deutscher Aphoristiker, geb. 1933

Für die Vertreter der Guaraní liegt der Inbegriff von Fortschritt im Gleichgewicht zwischen persönlichem, kollektivem und materiellem Wohlergehen. Das heißt: eine gute Ausbildung der Kinder, gesunde Ernährung, Gesundheit und verbesserte Wohnbedingungen.

"Fortschritt ist integer und hat mit dem inneren Reichtum jedes Mannes und jeder Frau zu tun, die Teil der Guaraní-Gemeinschaft sind."
Enrique Camargo, Guaraní. Ehemaliger Vizeminister für Indigene Völker; Berater für zweisprachige, interkulturelle Erziehung. Teilnehmer aus Bolivien

Fortschritt beschreibt den ewigen Kreis des Lebens, in dem die „Pachamama“, die Mutter Erde, eine zentrale Rolle spielt. Auf Basis dieser Vision wird die Erde kultiviert. Trägt ein unbewegliches Fortschrittskonzept dazu bei, sie zu zerstören, verarmen die Menschen in den Anden.

Die Quechua-Vertreter betonen, dass es in ihrer Kultur durchaus Alternativen zum westlichen Fortschrittsmodell gibt, die aber nicht anerkannt werden. Auch sie haben eine Entwicklung von einem „niedrigen“ zu einem höheren“ Niveau durchwandert, allerdings auf der Basis eigener, vom Westen unabhängiger Prinzipien: „Bevor die Spanier kamen, hat dieses Volk der Quechuas sich zu 'entwickeln' gewusst, autonom und dynamisch ein kulturelles Kapital begründet, womit es heute identifiziert wird.“

Die scharfe Kritik am Westen, dem ein Aymara-Vertreter „seelische Armut“ unterstellte, überwog in den Beiträgen. So wurde die Fortschrittsidee als „darwinistisch“ bezeichnet. Der Großteil der indigenen Bevölkerung sieht für die Menschheit die Grenzen dessen erreicht, was für diesen Planeten noch zu ertragen ist.

Die Aufforderung, Entwicklung nach dem Leitbild von Nachhaltigkeit zu gestalten, zog sich wie ein roter Faden durch die Konferenz: Die Menschen können nur dann von Fortschritt profitieren, wenn Wirtschaft, Kultur, Umwelt und Soziales im Gleichgewicht stehen.

Zukunftsperspektive

In der Diskussion wurde deutlich, dass die indigenen Menschen ihre Vorstellungen von Fortschritt und vergangene Traditionen häufig verklären, dies allerdings keinen Ausweg aus der gegenwärtigen Krise des Landes weist. Vielmehr gilt es, in Diskussion und interkulturellem Austausch konstruktive Lösungen für die Zukunft des Landes zu erarbeiten, um sich auf den Weg zu einigen, den Bolivien im 21. Jahrhundert gehen soll und kann. In diesem Transformationsprozess ist es an jedem Einzelnen zu entscheiden, welchen Beitrag er oder sie leisten will. Einig waren sich die Teilnehmer, dass Wirtschaftswachstum zwar notwendig ist, um Armut zu mindern, sie aber nur überwunden werden kann, wenn der Beitrag aller Bevölkerungsgruppen in die Entwicklung eingebunden wird und alle von ihr profitieren können.

Eine Gruppe von Unter-25-jährigen arbeitet im Rahmen des Fortschrittsprojekts bereits einen konkreten Beitrag aus. Diese Generation, die fast 70 Prozent der bolivianischen Bevölkerung ausmacht, sieht die größte Stärke ihres Landes in der kulturellen Vielfalt. Ihre in improvisierten Fernsehshows und Theaterstücken, Liedern und Gedichten und Diskussionsrunden entwickelte Visionen von Zukunft, Entwicklung und Fortschritt in Bolivien trugen sie der Verfassungsgebenden Versammlung vor.

Teilnehmer/innen

  • Xavier Albó
    Sozialwissenschaftler, Theologe, Buchautor
  • Cajías, Guadalupe
    Journalistin und Historikerin
    Leiterin der Regierungskommission zur Verhinderung und Bekämpfung der Korruption in Bolivien
  • Camargo Manuel, Enrique
    Guaraní. Anführer der Guaranígemeinschaft; Verantwortlicher für die Erziehung des Volkes der Guaraní; Vorsitzender der Guaraní-Volksversammlung; ehemaliger Vizeminister für Indigene Völker; Berater für zweisprachige, interkulturelle Erziehung
  • Choque, Maria Eugenia
    Aymara, Historikerin
  • Hurtado, Javier
    Soziologe und Theologe. Gründer von Irupana (Bio-Food-Kette)
  • Medina, Javier
    Buchautor über indigene Kulturen in Bolivien
  • Miranda Luizaga, Jorge R.
    Doktor der Philosophie, Literatur und Chemie an der Nordrheinwestfälischen Technischen Hochschule zu Aachen und Leiter der Technischen Abteilung für Grenzziehung im Ministerium für nachhaltige Entwicklung
  • Pari Rodríguez, Adán
    Quechua. Angestellter im Erziehungsministerium als Verantwortlicher für den Bereich zweisprachige interkulturelle Erziehung
  • Patzi Paco, Félix
    Aymara. Lehrstuhlinhaber für Soziologie und Erziehungswissenschaften der UMSA
  • Pinto Supepí, Pedro
    Vertreter des Chiquitano-Volkes, Muttersprache Besiro
    Berater für die Schulbildung in Concepción
  • Rojas Aspiazu, Luis
    Psychologiestudium an der Universidad Nacional de Tucumán 1956
  • Sanjínes, Jorge
    Regisseur
  • Yampara H., Simón
    Aymara, Soziologe und Erforscher der Andenkulturen. Wichtigster Berater und Generaldirektor der Andinen Stiftung Summa Qamaña Dozent an der Inti Andino der UPEA