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Der Begriff Fortschritt in verschiedenen Kulturen

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Teaserbild: Foto von Jorge Crispin, Hochland von Bolivien: "Wenn sich der Glockenturm des Jesuitenklosters in Potosi in den modernen Fenstern des Tourismusbüros spiegelt, versöhnen sich Vergangenheit und Gegenwart."
Teaserbild: Foto von Jorge Crispin, Hochland von Bolivien: 'Wenn sich der Glockenturm des Jesuitenklosters in Potosi in den modernen Fenstern des Tourismusbüros spiegelt, versöhnen sich Vergangenheit und Gegenwart.'
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Deutschland

Einigkeit in Vielfalt

Initiale: A

uf der Konferenz, die am 15. Und 16. Oktober 2004 auf Gut Gödelitz bei Dresden stattfand, konzentrierte sich der Dialog auf vier zentrale Aspekte des Fortschrittsbegriffs: Geschichte, technische Entwicklung, die Zukunft der Arbeitsgesellschaft und der gesellschaftliche Wandel nach der Wiedervereinigung. In den vier Gesprächskreisen zu den Themen „Technik“, „Arbeit“, „Kultur“ und „Innovation und Reform“ offenbarte sich die Vielfalt der Ansichten ebenso wie die Einigkeit in Grundsätzen.

Die Teilnehmer kamen aus den neuen und alten Bundesländern, verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen (Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft), wissenschaftlichen Disziplinen (Mathematik, Philosophie, Physik, Politologie, Ökonomie, Soziologie, Theologie, Ökologie) und Generationen (Anfang 20 bis über 60).

Fortschritt im Verhältnis zu Kultur und Medien in Deutschland ist etwas anderes in Berlin, Hamburg und München als in Dinslaken, Quedlinburg oder Markdorf.
Lutz Engelke, Gründer und Geschäftsführer von Triad Berlin Projektgesellschaft mbH. Teilnehmer am Fortschrittsprojekt

Diskussion

Das Individuum stand im Mittelpunkt der Konferenz in Deutschland. Denn es ist der Mensch, der Einfluss auf seine Umwelt nehmen kann und damit verantwortlich für Fortschritt ist. Damit er handeln kann, braucht er geeignete Rahmenbedingungen. Dazu zählen Sicherheit und Menschenrechte ebenso wie die Möglichkeit, sich produktiv und sinnvoll zu betätigen. Künftige Generationen brauchen zudem Bildung und neue Formen der Anerkennung von Arbeit, um Fortschritt gestalten zu können.

Das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung stand für alle Teilnehmer an oberster Stelle. Entwicklungen, die in eine extreme Richtung weisen – sei es in wirtschaftlicher, politischer oder sozialer Hinsicht – können mit Konzepten, die sich an diesem Leitbild orientieren, aufgefangen und entschärft werden. Damit ist eine soziale wie kulturelle Ausgewogenheit möglich und ökologische wie ökonomische Aspekte können im Gleichgewicht vereint werden.

Fortschritt gibt es nur, wenn die Technologien, die einen Fortschritt für mehr Nachhaltigkeit bedeuten, auch eingesetzt werden und damit eine hohe Marktdurchdringung erreicht wird.
Traute Fiedler, GRÜNE LIGA-Mitglied, Berlin. Teilnehmerin am Fortschrittsprojekt

Politisches Umfeld

Die scheinbar endlose Reform-Debatte und die drohenden Entlassungen bei Opel, Karstadt und anderen Großunternehmen, die Einführung von Hartz IV und die Diskussion um Managergehälter prägten den Austausch. Die Konferenz fand kurz nach dem Einzug der rechtsextremen NPD in den sächsischen Landtag statt, so dass auch die Lage des Konferenzortes bei Dresden an Bedeutung gewann. Auch die deutsche Migrationsdebatte und der europäische Integrationsprozess waren Teil des politischen Hintergrundes, der die Diskussion beeinflusste.

Ergebnisse

Welche Bedingungen müssen gegeben sein, um in Deutschland den Weg für Innovationen und Reformen zu ebnen? Die Teilnehmer waren sich einig, dass sich Fortschritt an einem Leitbild der nachhaltigen Entwicklung orientieren muss, das ökonomisches und soziales, kulturelles und soziales Gleichgewicht im Blick behält. Um neoliberalen Reformeifer zu mäßigen, stellt die auf dem Prinzip des Ausgleichs basierende soziale Marktwirtschaft ein geeignetes Konzept für die Zukunft dar. Sie verbindet auf rechtsstaatlicher Basis die Gesetze des Marktes mit sozialem Ausgleich und ökologischer Nachhaltigkeit.

Mit Fortschritt ist immer Neues verbunden, sonst ist Zukunft nicht möglich. Zugleich haben die Menschen oft Angst vor diesem Neuen – und das hemmt ihre Offenheit. Das wirtschaftliche und politische Umfeld in Deutschland muss daher so gestaltet sein, dass es den Menschen einerseits kreatives und risikobereites Handeln ermöglicht und ihnen zugleich die Angst und Unsicherheit vor Veränderung nimmt. Dieses Gleichgewicht zu schaffen, ist die wichtigste Herausforderung, wenn Fortschritt innovativ und dabei nachhaltig gestaltet werden soll.

Unsere Zukunft liegt in der Bewegung, nicht in der Beharrung
Ulf Merbold, Astronaut. Teilnehmer am Fortschrittsprojekt

Hindernisse für Fortschritt

Deutschland muss bei Optimismus und Risikobereitschaft nachholen - dies war Konsens aller Konferenzteilnehmer. Denn Innovationen in Technik und Wissenschaft sind nur in einem freien und inspirierenden Umfeld möglich. Wenn neue Erkenntnisse in Wissenschaft und Technik anwendbar werden sollen, müssen sie außerdem transparenter gemacht und verständlich vermittelt werden. Hier fehlt ein Dialog, der nicht nur Experten, sondern alle Bürger einbezieht. Aus diesem Grund plädierten einige Teilnehmer dafür, Fortschritt im Kleinen zu beginnen und regional zu verorten. Denn ohne den persönlichen Bezug läuft man Gefahr, dass Fortschritt über den Köpfen der Menschen stattfindet und nur wenige Privilegierte Nutzen davon haben.

Auch die Trennung von Ost- und Westdeutschland behindert Fortschritt in Deutschland. Insbesondere die junge Generation aus den neuen Bundesländern braucht das Gefühl gesellschaftlicher Gleichstellung und Gerechtigkeit, ohne die ihnen eine Zukunftsperspektive versperrt wird.

Zukunftsperspektive

In technologischer Hinsicht ist die Erkundung des Mars durch den Menschen die größte Herausforderung der Zukunft, so der Astronaut Ulf Merbold. Denn es gilt, den Erkenntnishorizont der Menschen zu erweitern. Um zugleich unserer ethischen Pflicht nachzukommen, die Erde für nachfolgende Generationen in einem zukunftsfähigen Zustand zu hinterlassen, appellierten die Teilnehmer daran, die technologische Forschung am Leitbild der nachhaltigen Entwicklung auszurichten.

Fortschritt ist immer auch mit Risiko verbunden. Der eigentliche Fortschritt entsteht nicht durch Wissensvermehrung oder eine neue Idee, sondern erst durch eine Innovation, die diese Idee erfolgreich realisiert. Fortschritt bedeutet, optimistisch über die Zukunft zu denken!
Klaus Heinzelbecker, Strategieabteilung BASF Ludwigshafen. Teilnehmer am Fortschrittsprojekt

Die Globalisierung bietet neue Möglichkeiten, Erwerbsarbeit innovativ zu gestalten und den in der Industrialisierung geprägten Arbeitsbegriff abzulösen. Kern eines neuen Verständnisses von Arbeit ist, dass sich ihre Wertschätzung nicht am finanziellen Gewinn, sondern am gesellschaftlichen Nutzen ausrichtet. So kann die Verbindung von Arbeit und Familie auf eine tragfähige Basis gestellt werden. Dazu gehört auch ein flexiblerer Umgang mit den Phasen der Nichterwerbstätigkeit. Sicherungssysteme müssten von der Erwerbsarbeit abgekoppelt werden und nicht nur staatliche Maßnahmen beinhalten, sondern sich auch auf die gesellschaftliche Solidarität stützen.

Frieden in Europa ist ein weiterer Aspekt von Fortschritt. Der europäische Integrationsprozess stellt eine einmalige Chance dar, nationale Denkstrukturen aufzubrechen und ein Umdenken einzuleiten, in dem das vereinte Europa im Vordergrund steht.

Fortschritt? Europa!
Franziska Donner, damalige Leiterin des GIZ-Büros Berlin. Initiatorin des Fortschrittprojekts

Teilnehmer/innen

  • Prof. Dr. Jochen Brüning
    Geb. 1947 in Bad Wildungen
    Professor für Mathematik an der Humboldt-Universität zu Berlin und Leiter des Hermann von Helmholtz-Zentrums für Kulturtechnik, ein interdisziplinäres Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin mit projektbezogener Arbeit.
  • Klaus Burmeister
    Geb. 1954
    Diplom-Politologe und Zukunftsforscher
  • Dominique Döttling
    Geb. 1967 in Traben-Trarbach
    Unternehmensberaterin
  • Lutz Engelke
    Gründer und Geschäftsführer von Triad Berlin Projektgesellschaft mbH.
  • Traute Fiedler
    GRÜNE LIGA-Mitglied
  • Dr. Klaus Heinzelbecker
    Strategieabteilung BASF Ludwigshafen (Germany)
  • Paula Marie Hildebrandt
    Geb. 1976 in Berlin
    Projektmanagerin bei der GIZ im Büro für die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft, Public-Private-Partnership, in Berlin und Vertreterin des interdisziplinären Netzwerks 3plusX
  • Katrin Hünemörder
    Geb. 1980 in Dresden
    Vorstandssprecherin der europäischen Jugendpresse und Organisatorin der Schülerzeitung politikorange, Ausgabe „Ortschritt“
  • Dr. Hans Joachim Kujath
    Geb. 1942 in Berlin
    Städteplaner und Regionalsoziologe
  • Prof. Dr. Martin Kutscha
    Geb. 1948 in Bremen
    Professor an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege Berlin (FHVR).
  • Ulf Merbold
    Geb. 1941 in Greiz
    Astronaut
  • Bidjan Tobias Nashat
    Geb. 1979 in Berlin
    Vertreter des Netzwerks der Deutschen Studienstiftung f.ize. Student der Politikwissenschaften in Berlin.
  • Prof. Hildegard Maria Nickel
    Geb. 1948 in Berlin
    Soziologieprofessorin an der Humboldt-Universität zu Berlin mit dem Schwerpunkt Frauen- / Transformationsforschung
  • Dr. Edelbert Richter
    Geb. 1943 in Chemnitz
    Theologe
  • Dr. Olaf Struck
    Geb. 1964 in Bremen
    Soziologe mit Forschungs- und Lehrschwerpunkt Arbeits- und Organisationssoziologie, Lebenslaufforschung, Sozialstruktur und Sozialpolitik, Soziologische Theorie