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Der Begriff Fortschritt in verschiedenen Kulturen

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Teaserbild: Foto von Mona Abaza, Cairo, Ägypten: "Dieses Foto habe ich im Mai 2004 in einem Dorf nahe des Sinbilaween-Distrikts im Nildelta gemacht. Ich sah dort Esel, die Hosen trugen. Also fragte ich: Warum trägt der Esel Hosen?"
Teaserbild: Foto von Mona Abaza, Cairo, Ägypten: 'Dieses Foto habe ich im Mai 2004 in einem Dorf nahe des Sinbilaween-Distrikts im Nildelta gemacht. Ich sah dort Esel, die Hosen trugen. Also fragte ich: Warum trägt der Esel Hosen?'
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Indien

Initiale: I

n Indien wurde der Dialog auf die Frage ‚Does Culture Make a Difference?’ zugespitzt; ein Fokus, der sich an Amartya Sens Entwicklungsbegriff anlehnt. Für ihn ist Entwicklung nicht gleichbedeutend mit Wirtschaftswachstum; stattdessen geht es darum, dass Entwicklung mehr Wahlmöglichkeiten schafft und so Impulse für weitere Entwicklungszyklen gibt. Hier spielt Kultur eine tragende Rolle: Weil menschliches Verhalten vom kulturellen Umfeld geprägt wird, kann sie auch ökonomische und betriebswirtschaftliche Entscheidungen sowie soziales und politisches Verhalten beeinflussen. Kultur und Entwicklung sind daher eng miteinander verknüpft.

Themen, die in diesem Rahmen die Diskussion bestimmten, waren Religion, Bildung, Wirtschaft, Governance, Entwicklungspolitik (MDGs), Ökologie, Technik und Wissenschaft. Der Kreis der Teilnehmer der indischen Konferenz setzte sich daher interdisziplinär aus international anerkannten Intellektuellen und Praktikern der Entwicklungszusammenarbeit zusammen.

Politisches Umfeld der Diskussion

Die Konferenz in Indien war eingebettet in ein Umfeld politischen Wandels: Es fanden gerade Parlamentswahlen statt, die die hindu-nationalistische BJP (Bharatiya Janata Partei) - entgegen aller Prognosen - verlor. Ihr Wahlslogan “Shining India” sollte Symbol für ein neu erstarktes, wirtschaftliches Bewusstsein Indiens sein. Doch das klang angesichts der Realität in den Ohren vieler Wähler wie Hohn und sorgte für das überraschende Wahlergebnis. Der Boom, der Indien im Zuge der Globalisierung erreicht, trägt nicht dazu bei, die Armut im Land zu mindern, im Gegenteil. Die soziale Schere wird kontinuierlich größer. Daher waren die Inderinnen und Inder selbst sehr interessiert an der Fortschrittskonferenz.

Hindernisse für Fortschritt

Soziale Themen waren mit Blick auf die Zukunft für die Konferenzteilnehmer am dringlichsten. Das Land erlebt einen wirtschaftlichen Aufschwung, doch die Frage der (staatlichen) Fürsorge tritt mehr und mehr in den Hintergrund. Wie die Kinderarbeit werden auch andere soziale Missstände im Land als etwas Natürliches akzeptiert. Das kann sich nur ändern, wenn sich die Öffentlichkeit über diese Zustände empört und soziale Gleichberechtigung einfordert. Auch die Regierung ist verantwortlich: Die Gestaltung der Zukunft erfordert einen aktiven und aktivierenden Staat, der öffentliche Dienstleistungen bereit stellt und sich im Zusammenspiel mit der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft dem Interessenausgleich verpflichtet.

45 Prozent der jungen arbeitsfähigen Bevölkerung in Indien kann zudem weder lesen noch schreiben und finden nur in der Landwirtschaft und dem Bausektor Arbeit. Das unzulängliche Bildungssystem wurde daher als weiteres, großes Hindernis für Fortschritt identifiziert.

Alle Teilnehmer einte das Bedürfnis, Entwicklungsprozesse transparenter zu gestalten. Dazu zählt, alle Beteiligten zu informieren und auch traditionelle Gesellschaften einzubeziehen. Entwicklung muss sanft gestaltet werden. Nur so können fundamentalistische Tendenzen vermieden werden.

Zukunftsperspektiven

Markt-, Kultur- und religiöser Fundamentalismus sind Herausforderungen, die die Weltgemeinschaft teilt. Um in Indien diese Probleme zu lösen, wird ein neuer Universalismus propagiert, dessen Kern darin liegt, kulturelle Vielfalt anzuerkennen und die Menschen zu befähigen, mit der Vielzahl von existierenden Modernen umzugehen. Kultur kann die treibende, kreative Kraft sein, mit deren Hilfe eine Neudefinition von Fortschritt im universellen Sinne möglich erscheint. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, den Kulturbegriff zu überdenken: So wird man dem z.T. hochentwickelten Know How traditioneller Gesellschaften oft nicht gerecht, wenn einheimisches, technologisches Wissen mit Kultur umschrieben wird. Diese Wissenschaft nicht in aktuelle Technologieentwicklung einzubeziehen, sondern stattdessen als „übrig gebliebene Kategorie“ zu degradieren, schließt sie aus der Fortschrittsdiskussion aus.

The sense of loss accompanying modernity acts as a corrective or a counterpoint to the easy optimism of the currently dominant theories of progress.
Ashis Nandy, Senior Fellow and Director, Centre for the Study of Development Societies, New Delhi. Teilnehmer am Fortschrittsprojekt

Entwicklung ist ein Prozess kulturellen Wandels. Eine Neudefinition von Kultur kann nur gemeinsam entwickelt werden. Wenn jeder selbst darüber reflektiert, was die eigene Kultur ausmacht, was bewahrt und was über Bord geworfen werden kann, könnten Kulturen einen Schritt aufeinander zu machen. Erst dann ist es möglich, universelle Indikatoren zu entwickeln, die diesen Wandel auch bewerten können.

Teilnehmer/innen

  • Prof. Dr. Constantin von Barlöwen
    internationally renowned scholar of Cultural Studies and currently lecturer at the Université Européen de la Recherche, Paris
  • Mr. Rustom Bharucha
    independent writer, cultural critic, director and dramaturg based in Calcutta
  • Dr. Alexandra Caspari
    Member of the executive committee of the German Evaluation Society (DeGEval), vice-spokesperson of the executive committee of the “Education and Training in Evaluation” task force and active member of the “Evaluation of Third World Policy” task force
  • Prof. Dr. Debi Prasad Chattopadhyay
    philosopher, anthropologist, politician and policy maker and currently Chairman of the Centre for Studies in Civilizations, New Delhi
  • Dr. Subhoranjan Dasgupta
    Associate Professor at the Institute of Development Studies, Calcutta (IDSK) where he guides the Human Sciences Department. Also a writer and critic
  • Prof. Dr. Madhav Gadgil
    Professor of Ecological Sciences at the Institute of Science, Bangalore
  • Mr. R. Gopalakrishnan
    Finance Secretary of the Government of Madhya Pradesh in Bhopal, India
  • Dr. Gisela Hayfa
    Country Director of the German Agency for International Co-operation (GIZ) and Head of GTZ’s programme in India and Bhutan
  • Prof. Dr. Triloki N. Madan
    Honorary Life Professor at the Institute of Economic Growth, University of New Delhi. He has been a Consultant to UNESCO, WHO and the American Academy of Arts and Sciences
  • Dr. Rudrangshu Mukherjee
    Currently Editor, Editorial Pages, The Telegraph
  • Prof. Dr. Surendra Munshi
    Professor of Sociology at the Indian Institute of Management, Calcutta
  • Prof. Dr. Ashis Nandy
    Senior Fellow and Director, Centre for the Study of Development Societies. Chairperson, Committee for Cultural Choices and Global Futures, New Delhi
  • Dr. Shobha Raghuram
    Currently Director of the regional office of the Humanist Institute for Cooperation with Developing Countries (HIVOS) in Bangalore
  • Mr. Venkateswar Ramaswamy
    Calcutta-based entrepreneur, civic activist, teacher, writer and singer
  • Ms. Aruna Roy
    Recipient of the Magsaysay Award – valued as the Asian Nobel Prize – for community leadership and international understanding
  • Prof. Dr. Jörn Rüsen
    Professor for General History and Historical Culture at the University of Witten-Herdecke and chairman of the Institute for Cultural Studies at the Science Centre of North Rhine-Westphalia (Kulturwissenschaftliches Institut im Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen)
  • Dr. Pronab Sen
    Adviser for Perspective Planning and Statistics & Surveys at the Planning Commission of the Government of India
  • Dr. Vandana Shiva
    Physicist, feminist, philosopher of science, writer and science policy advocate
  • Prof. Dr. Dikshit Sinha
    Professor (Adhyaksha) at Palli Sangatan Vibhaga (Institute of Rural Reconstruction) and Professor at the Department of Social Work at Visva-Bharati University, Sriniketan, Santiniketan
  • Prof. Dr. Anup Kumar Sinha
    Currently Dean of Programme Initiatives and Professor of Economics at the Indian Institute of Management, Calcutta
  • Prof. Dr. Shanta Sinha
    Professor at the Department of Political Science, University of Hyderabad
  • Mr. Ramaswamy Sudarshan
    Advisor-Justice at the UNDP Oslo Governance Centre
  • Dr. Vinod Vyasulu
    Director of the Centre for Budget and Policy Studies based in Bangalore
  • Mr. Erhard Zander
    Consul General of the Federal Republic of Germany in Calcutta