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Der Begriff Fortschritt in verschiedenen Kulturen

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Teaserbild: Foto von Ilja Spesiwtsew, Kaliningrad, Russland: Asyl für Stalin. "Letztes Asyl des „Vaters aller Völker“ und Führers der gesamten fortschrittlichen Menschheit: Stalin"
Teaserbild: Foto von Ilja Spesiwtsew, Kaliningrad, Russland: Asyl für Stalin. 'Letztes Asyl des „Vaters aller Völker“ und Führers der gesamten fortschrittlichen Menschheit: Stalin'
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Russland

In Russland fängt jede Bewegung mit dem linken Bein an, aber mit den Augen nach rechts.
Kosma Prutkow, Russischer Satiriker, 1803-1863

Initiale: F

ortschritt war einer der zentralen Begriffe in der Sowjetunion. Unzählig viele Kolchosen, Kombinate und Kollektive trugen mit stolzer Selbstverpflichtung diesen Ehrentitel - bis hin zur Raumfähre "Progress". Nach dem Ende der Sowjetunion ging das ideologische Verständnis von Fortschritt in ein rein materielles über. Ein Prozess nicht frei von Schwierigkeiten, so die russischen Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die am 27. August 2004 in Kaliningrad zusammen kamen.

Politischer Kontext

Die Konferenz fand wenige Monate nach der Wiederwahl Wladimir Putins zum Präsidenten der Russischen Föderation statt. Die Reform des Verwaltungssystems bildete einen weiteren wichtigen politischen Hintergrund der Konferenz. Unruhe herrschte, weil Sozial- in Geldleistungen umgewandelt werden sollten.

Der Konferenzort Kaliningrad befindet sich heute in doppelter Insellage und doppelter Peripherie: eine preußische Stadt ohne Preußen, eine russische Stadt ohne russische Vergangenheit, ein Teil der Russischen Föderation und zugleich zwischen zwei europäischen Grenzen. Das frühere Königsberg sucht nach einer russisch-europäischen Identität. So fand die Diskussion um den Fortschrittsbegriff in einem wichtigen und symbolträchtigen Jahr statt: man feierte das 60jährige Jubiläum des Kaliningrader Gebiets und beging zugleich die 750-Jahrfeier Königsberg-Kaliningrad.

Ergebnisse

Nach dem Verlust der sowjetischen Staatsideologie, die die Stadt und ihre aus den unterschiedlichsten Sowjetrepubliken zugezogenen Bewohner einte, versucht Kaliningrad heute, eine neue, eigene Identität zu finden. Fortschritt war in der Vergangenheit ideologisch geprägt; heute wollen sich sowohl Russland als auch das Kaliningrader Gebiet an das Lebensniveau Europas annähern. Das Ergebnis wird von den Teilnehmern als “wilder Kapitalismus” beschrieben.

Unter Fortschritt versteht man heute die Annäherung an europäische Normen und das Lebensniveau der Europäer. Was man in Russland davon hat, kann man noch nicht sagen.
Alexander Songal, Abteilungsleiter für Internationale Beziehungen der Gebietsduma

Der Übergang von einem religiös bzw. ideologisch geprägten Fortschrittsbegriff zum rein materiellen bzw. säkularen Verständnis gestaltet sich schwierig. Entsprechend sträubten sich die Konferenzteilnehmer, ihn mit Kultur in Verbindung zu bringen. Sie kategorisierten ihn vielmehr als einen Zivilisationsbegriff und favorisierten statt “Fortschritt” den Terminus “Innovation”.

Was bleibt, ist die Frage nach der eigenen, Kaliningrader Identität. Die Teilnehmer trieb die Frage um, wie weit trotz des rasanten Veränderungsprozesses, den Kaliningrad gerade durchläuft, ein eigener kultureller Kern bewahrt werden kann und muss. Die eigene Identität dürfe in diesem Transformationsprozess keinen Schaden erleiden.

Fortschritt bedeutet für eine Grenzregion wie Kaliningrad auch, kulturelle Pluralität als Chance wahrzunehmen. Die Stadt muss offen für andere Kulturen bleiben, um Impulse in die eigene Kultur aufzunehmen. Nur durch die Kenntnis anderer Kulturen, deren Sprachen und Lebensformen, können andere Fortschrittsbegriffe kritisch hinterfragt und eventuell auch absorbiert werden. Bildung ist daher eine wichtige Voraussetzung für Fortschritt.

Es ist kein Geheimnis, dass Fortschritt nicht nur eine Vorwärtsbewegung ist. Man sagt ‚non progredi est regredi’: keine Vorwärtsbewegung ist eine Rückwärtsbewegung. Anderseits darf man nicht alles, was in anderen Kulturen und in dem Begriff des Fortschrittes möglich und existent ist, unreflektiert nachahmen. Bei der bedingungslosen Annahme des Fortschritts besteht immer die Gefahr eines Rückschrittes.
Vera Sabotkina, Professorin für Anglistik; Pro-Rektorin für Internationale Beziehungen an der Staatlichen Universität Kaliningrad

Zukunftsperspektiven

Die größte Herausforderung für Kaliningrad liegt darin, eine professionelle, offene Verwaltung auf der regionalen und städtischen Ebene zu festigen. Angenehme Arbeitsverhältnisse, der Respekt vor jeder Persönlichkeit und die Achtung der Umwelt waren Themen, die nach Meinung der Teilnehmer Priorität haben, um Fortschritt in Kaliningrad zu gestalten.

Kaliningrad, das westliche, christliche und byzantinische Einflüsse vereint, könnte darüber hinaus als Pilotregion fungieren, um Mechanismen der Integration zwischen Russland und der EU zu erproben.

Teilnehmer/innen

  • Prof. Alexej Dmitrowskij
    Geb. 1927 in Potscheb, Brjansker Gebiet (Russland)
    Professor für Ausländische Literatur an der Staatlichen Universität Kaliningrad
  • Prof. Dr. Wolfgang Eichwede
    Geboren 1942 in Friedrichshafen/Bodensee
    Direktor der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen
  • Dr. Wladimir Gilmanow
    Geb. 1955 in Kaliningrad
    Dozent Lehrbeauftragter für Literatur und Journalismus an der Staatlichen Universität Kaliningrad
  • Swetlana Kolbanjowa
    Geb. 1970 in Kaliningrad
    Journalistin, Produzentin
  • Dr. Nina Peretjaka
    Geb. 1951 im Tscheljabinsker Gebiet, Russland
    Vorsitzende der Kaliningrader Niederlassung des Kulturfondes der Russischen Föderation
  • Alexander Popadin
    Geb. 1964 in Kaliningrad
    Kulturwissenschaftler, Literat, Publizist
  • Prof. Vera Sabotkina
    Professorin für Anglistik; Prorektorin für Internationale Beziehungen an der Staatlichen Universität Kaliningrad
  • Dr. Alexander Songal
    Geb.1953 in Weißrußland
    Abteilungsleiter für Internationale Beziehungen der Gebietsduma
  • Ilja Spesiwtzew
    Geb. 1981 in Kaliningrad
    Doktorand der Russischen Philosophie an der Staatlichen Universität Kaliningrad
  • Boris Tregubow
    Stellvertretender Hauptabteilungsleiter für Wirtschaftsentwicklung und Handel bei der Kaliningrader Gebietsverwaltung