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Konferenz "Der Begriff Fortschritt" | Umsetzung

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Teaserbild: Foto von Joseph Madisia, Windhoek, Namibia: "Gegen 18 Uhr wurde ein Sportwagen in der Hauptstraße von Ondangwa geparkt. Auf den ersten Blick sieht er aus wie ein richtiges Auto, aber wenn man genauer hinsieht, erkennt man, dass dieses Auto aus Pappe gemacht wurde."
Teaserbild: Foto von Joseph Madisia, Windhoek, Namibia: 'Gegen 18 Uhr wurde ein Sportwagen in der Hauptstraße von Ondangwa geparkt. Auf den ersten Blick sieht er aus wie ein richtiges Auto, aber wenn man genauer hinsieht, erkennt man, dass dieses Auto aus Pappe gemacht wurde.'
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Umsetzung

Das Fortschrittsprojekt: ein Experiment

Initiale: M

it diesem Projekt ließen sich GIZ (damals GTZ) und Goethe-Institut auf ein Experiment ein - mit offenem Ausgang und Ergebnissen, die nicht vorhersehbar waren. Es sollte die Vielfalt und die Komplexität einer globalisierten Welt abbilden, ohne sich im Detail zu verlieren und ohne kulturellem Relativismus zu verfallen. All dem galt es im Projekt Raum zu geben, ohne dabei die Wirkung aus den Augen zu lassen. Die Umsetzung gestaltete sich daher nach folgenden Leitlinien:

Ganzheitlichkeit

Initiale: U

m die Komplexität des Fortschrittsbegriffs abzubilden, wurde der Austausch nicht nur Kultur-, sondern auch Disziplinen und Generationen übergreifend organisiert. Die Teilnehmer aus den Regionen vereinten aufgrund ihres Berufs, ihres Alters, ihrer Religion und ihrer ethnischen Zugehörigkeit selbst schon viele Kulturen in sich. Auch das Publikum, das zu den Diskussionen eingeladen wurde, stellte sich mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur interdisziplinär zusammen. In einer internationalen Diskussion versuchte man abschließend in Berlin, sich über die Bedeutung zu verständigen, die die vielfältigen Konzepte von Fortschritt für eine nachhaltige, internationale Zusammenarbeit haben.

Auch die künstlerische Perspektive auf die Frage „Was ist Fortschritt?“ fand Eingang in das Projekt: in der fotografischen, journalistischen und performativen Auseinandersetzung, in Theater, Schreibwerkstätten und bildender Kunst.

Dezentraler Ansatz

Initiale: S

tellvertretend für verschiedene Kulturräume wurden die Konferenzen in sechs Ländern durchgeführt: Ägypten (arabisch/islamischer Raum), Bolivien (lateinamerikanischer Raum mit seinen indigenen Kulturen), Deutschland (westeuropäischer Raum), Indien (Ankerstaat im asiatischen Raum), Russland (osteuropäischer, sozialistisch geprägter Raum) und Namibia (afrikanischer Raum).

Jede einzelne Konferenz wurde vor Ort konzipiert, um nicht den Fehler zu begehen, in Deutschland entwickelte Konzepte einfach in andere Kontexte zu übertragen und damit an den Bedürfnissen der Teilnehmer vorbei zu agieren. Dank dieser dezentralen Struktur wurden Themen und Fragen des jeweiligen Kulturraums in das Programm integriert. Die Stellungnahmen waren entsprechend differenziert und bezogen den aktuellen politischen Hintergrund der Region in die Diskussion ein. Es konnten Menschen erreicht werden, die die Debatten als Mittler in ihrem Umfeld weiter trugen.

Werteorientierung

Initiale: I

nterkultureller Dialog ist nur möglich, wenn sich jeder Gesprächspartner vorher über die eigene Position, über die eigenen Werte und Prioritäten klar wird. Erst dann können Gemeinsamkeiten und Unterschiede definiert werden, erst dann ist Zusammenarbeit möglich. Der Austausch über Werte stand daher im Mittelpunkt des Fortschrittsprojekts. An jedem Konferenzort wurden Werteinschätzungen offen gelegt, um sie so konkret wie möglich zu diskutieren. In einem ersten Schritt stand die eigene Reflexion, dann die der Gruppe der eigenen Kultur, dann der Austausch mit Vertretern anderer Kulturen.

Es war und ist ein Dialog, ein Polylog, ein Multilog der gleichen Partner, wo keiner von allen die Wahrheitslizenz besitzt. Vielleicht wird das irgendwann als das größte Ergebnis dieses Projektes angesehen, dass wir die Komplexität des Begriffs Fortschritt sozusagen am eigenen Leibe erfahren haben und so auch akzeptieren mußten. Und vielleicht lag genau darin das Erfolgsgeheimnis, dass diese Länderkonferenzen trotz aller Unterschiede die gleiche Grundlage hatten. Wir diskutierten nämlich über dasselbe: den Fortschritt. Der ja doch so eindeutig klang, anfangs.
Swetlana Kolbanjowa, Journalistin und Produzentin in Kaliningrad. Teilnehmerin am Fortschrittsprojekt

Partizipation

Initiale: I

n ihren Beiträgen machten die Teilnehmer der einzelnen Konferenzen deutlich, dass die Frage nach dem Fortschritt weltweit eine permanente Suche ist, bei der alle gleichberechtigt beteiligt werden müssen. Das Projektkonzept antwortete darauf mit Konferenzformaten, die ihren Fokus auf Interaktion und Partizipation aller Teilnehmer legte. Ziel war, jeder Stimme Eingang in die Gesamtdebatte zu geben, damit ergebnisoffen diskutiert werden konnte. In Ägypten und Bolivien wurden zudem Jugendliche besonders einbezogen. Sie lernten, dass Fortschritt damit beginnt, selbst Verantwortung zu übernehmen.

Aus der Einsicht heraus, dass wir nur gemeinsam etwas erreichen können, dass langfristige Änderungen nur erzielt werden können, wenn alle an einem Strang ziehen, entwickelte sich unter uns bald ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Was uns verbindet, ist das Projekt Bolivien.
Patricia (23), Santa Cruz und Teilnehmerin des Fortschrittsprojekts

Viele Einzelpersonen, Gruppen und Institutionen waren von der Frage nach Fortschritt begeistert, und sie schlossen sich dem Projekt kurzfristig mit eigenen Aktivitäten an: So machte zum Beispiel die Jugendzeitung „politikorange“ in Deutschland „Fortschritt“ zum Thema einer Sonderausgabe. Ein bekannter, indischer Maler ließ sich vom Thema zu einem Bild inspirieren, das während der Konferenz in Kalkutta hinter dem Podium hing. Einige Konferenzteilnehmer visualisierten „Fortschritt weltweit“ in Fotos, die während der internationalen Konferenz in Berlin ausgestellt wurden. An der Universität in Kaliningrad wurde ein Umfragebogen zum Thema entwickelt, dessen Ergebnisse zu weiterführenden Arbeiten von Studenten führten. Alle Beiträge fanden Eingang in das Gesamtprojekt und gestalteten seinen Verlauf maßgeblich mit.

Diese Sonderausgabe von „politikorange“ hat sich an die schwierige Begriffsklärung von Fortschritt herangewagt. Vor allem junge Leute hefteten sich aus höchst unterschiedlichen Blickwinkeln auf seine Fersen. Eine Neugier mit Hintersinn. Denn alles, was heute als Fortschritt definiert wird, beeinträchtigt das Leben der jetzt Heranwachsenden viel stärker als das der Älteren, die in ihrer Mehrzahl aber heute entscheiden, welcher Fortschritt morgen gut oder böse, überflüssig oder sinnvoll ist und gefördert oder verhindert werden soll.”
Aus dem Vorwort, Redaktion von politikorange

Prozessorientierung

Initiale: D

ie politischen Unruhen in Bolivien kurz vor Konferenzbeginn konnte niemand vorhersehen. So wurde das Programm kurzfristig noch einmal neu konzipiert, um auf die aktuellen Herausforderungen reagieren zu können.

Das Konzept des gesamten Projektes ließ diese Spontaneität zu. Es ermöglichte außerdem, sich auf die Dynamik, die sich im Projektverlauf entwickelte, einzulassen, , nahm Anregungen von außen auf und vergrößerte den Kreis der Partner.

Durch diese inhaltliche und strukturelle Flexibilität veränderte sich das Projekt stetig in einem „Work in Progress“, ohne dabei die Wirkung aus den Augen zu verlieren.

Der Fortschritt geschieht heute so schnell, dass, während jemand eine Sache für gänzlich undurchführbar erklärt, er von einem anderen unterbrochen wird, der sie schon realisiert hat.
Albert Einstein, Deutscher Physiker, 1879-1955